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Warum immer gleich den ganzen Arm?

Ein extrem frustrierendes Erlebnis hatte ich am Wochenende: Ich war am aufräumen und grade dabei, vor dem Kofferraum unseres Autos große Pappkartons klein zu treten, um sie anschließend zu einer Papiertonne zu fahren – voll in den Umzugsarbeiten quasi. Da höre ich an der Kreuzung einige Meter entfernt ein Hupkonzert und dachte erst, es gäbe eine Hochzeit. Da stand jedoch ein großer Ford Transit oder etwas in der Größe, und bewegte sich nicht. Zwei Männer sprangen raus und versuchten, den Bus über die Kreuzung zu schieben, was nicht richtig gelang. Ein Mann eilte hinzu und half, ich wollte nicht dumm dastehen und kam hinzu, um auch zu helfen.

Gemeinsam schoben wir den Bus über die Kreuzung und parkten ihn an der Seite, 20 Meter oder so von meinem Haus entfernt. Die Männer bedankten sich in gebrochenem Deutsch und fragten, ob es in der Nähe eine Tankstelle gäbe. Der andere Helfer kam nicht aus der Gegend, also beantwortete ich die Frage – es war zu weit zum laufen, mindestens 2 Kilometer oder so. Die Tür vom Wagen ging auf und darin saßen tatsächlich zwei Kinder und ihre Mutter. Also bot ich dank Mitleid für die Kinder selbstverständlich an, zu helfen, und fragte, ob sie einen Kanister hätten, ich würde einen schnell zur Tankstelle fahren. Sie sprangen zum Kofferraum und hatten einen dabei. „Diesel“, „Diesel“ sagte der eine immer wieder.

Wir liefen zu meinem Auto und fuhren los. Da ich den Kofferraum voll Pappe hatte, konnte nur einer mitfahren. Das war rückblickend wirklich gut, glaube ich. Im Auto fragte ich, woher er kommen würden, „Ungarn“, und dass es nach „Bayern“ gehen würde. Eigentlich ging hier schon, ganz leise, meine innere Warnmeldung an. Warum würden die im Saarland stranden, wenn sie aus Ungarn kommend nach Bayern wollen? Seltsam. Vielleicht hat er sich versprochen, verfahren oder sonst was, dachte ich, oder es gab ein Missverständnis.

„Bitte, kein Geld!“

Dass es kein Missverständnis war, wurde klar, als er mir nach dem tanken in seinen Kanister erklärte, dass er kein Geld habe. Ich guckte auf die Zapfsäule. Und überlegte, ob ich jetzt einfach wegfahren sollte. Aber dann taten mir seine Kinder doch leid, und ich bezahlte das verdammte Benzin für ihn. 6 Euro, aber darum geht es nicht. Auf der Rückfahrt war mir klar, dass er mich grade unverschämt ausgetrickst hat, und ich wollte einfach nur möglichst schnell aus der Situation wieder raus, friedlich. Kaum zurück füllten sie den Tank und fragten, ob ich ihnen Geld für Essen und Trinken geben könnte. Ich nahm zwei Flaschen Wasser und gab jedem Kind eine, meine Frau brachte den Kindern noch ein bisschen Obst. Mehr ging nicht, jetzt ist aber gut, dachte ich.

Falsch, jetzt fragten sie mich, „wie weit ist es nach Bayern?“ – „Etwa 500 Kilometer, denke ich.“ – „Kein Benzin, kommst du Tankstelle, tanken?“ – „Nein, ich habe kein Geld.“ – „Nein, nein, kein Geld, Tankkarte!“ – „Ich hab kein Geld, ich hab keine Tankkarte. Nein.“ Jetzt wurde mir richtig klar, wie sie noch hilfreichere Leute als mich ausnahmen: Mit Tankkarten von Firmen. Jeder hat einen Freund oder Bekannten, der bei einer Firma arbeitet und eine Tankkarte hat, damit quasi kostenlos tanken kann. Die müssen also schon lange unterwegs sein, um zu wissen, was es gibt und wie man die richtigen Knöpfe drückt.

Ich sagte daraufhin Jiajia, sie soll zurück ins Haus gehen und die Tür abschließen, während ich in mein Auto hüpfte und die erste Fuhre Pappe wegbrachte, nachdem ich laut „Ciao“ gerufen hatte. Das war es, ich war raus. Aus sicherer Entfernung wartete ich noch und beobachtete, dass sie auch weg fuhren, ich wollte nicht, dass sie noch bei Jiajia klingeln würden oder so – passierte zum Glück nicht.

Was mich dennoch tierisch ärgert: Dass meine Gutmütigkeit durch so etwas total überreizt wird, und ich beim nächsten Mal bestimmt wesentlich defensiver helfen werde. Vorfälle wie dieser beschäftigen mich vielleicht auch viel länger als sie sollten, aber es macht mich einfach wütend. Wenn ich in so eine blöde Situation mit meiner Familie rutschen würde, wäre ich unendlich dankbar, wenn mir jemand helfen würde, und würde das auch zeigen. Aber dieses immer mehr, immer mehr, bis zur totalen Überspannung? Geht gar nicht.

Warum immer gleich den ganzen Arm packen, wenn einem die Hand gereicht wird?

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