Krieg der Kulturen.

Seit fünf Minuten überlege ich, wie ich diesen Eintrag anfangen soll. Bringt nix. Mir fällt einfach keine “tolle” Beschreibung für die Krise ein, die wir letzte Woche endlich beendet haben. Wenn ihr diesen Eintrag lest, werdet ihr schlicht und einfach meine Erfahrungen zu lesen bekommen, Erfahrungen, die ich in Europa bzw. mit einer europäischen Frau, Kultur oder Familie wohl nie gemacht hätte.

Eigentlich beginnt die Geschichte im Januar 2006, als ich bei den Eltern meiner Freundin war. Da wir es ernst miteinander meinen und nicht “herumspielen”, wie man hier in China gerne sagt, sprachen wir nach einigen Tagen natürlich auch über unsere Zukunft, Familie, Heirat und solche Dinge. Im Nachhinein muss ich zugeben, dass ich dort etwas zu locker drauf war und manche Fragen nicht unbedingt besonders tiefgründig durchdacht und beantwortet habe.

An einem gewissen Punkt fragten mich Jiajias Eltern, ob ich denn nach China ziehen werden, Jiajia heiraten und eine Wohnung für uns kaufen werde. Wenn alles gut geht, natürlich, war meine Antwort. Das war ein Fehler; ich hätte die Frage hinterfragen sollen und um eine ausführlichere Frage bitten sollen. Ich wusste zwar, dass vom Ehemann erwartet wird, sich um eine Wohnung zu kümmern, aber mir war überhaupt nicht klar, wie brutal ernst das gemeint war, und wie früh wir schon damit konfrontiert werden würden.

Wir sind jetzt schon fast ein Jahr zusammen, unsere Beziehung ist wunderbar, natürlich gibt es hier und da mal einen Streit, aber bisher nichts ernstes. Jetzt fingen allerdings Jiajias Eltern an, sie zu pushen, und erwarteten allen Ernstes von mir, mich wie ein Chinese zu verhalten. Der Tag, an dem die richtige Krise begann war, als Jiajias Eltern uns 5.000 Euro geben wollten, damit wir eine Wohnung kaufen können. Wir bräuchten circa 20.000 Euro, um eine Wohnung zu kaufen, und ich sollte mir 15.000 Euro von “meiner Familie” leihen, damit wir eine Wohnung kaufen und in absehbarer Zeit heiraten können.

Was?

Es begann wahrlich ein Krieg, der sich über mehrere Tage erstreckte, in denen mehrmals Tränen flossen, geschrien wurde und Kompromisse besprochen wurden. Ich bitte ausdrücklich darum, sich nicht auf eine Seite zu schlagen und entweder mich oder meine Freundin bzw. deren Eltern zu verteufeln, das wäre vollkommen falsch.

Es ist doch so, dass ich Europäer bin. Halb deutsch, halb italienisch, um genau zu sein. Ich wurde gelehrt, für etwas zu arbeiten, wenn ich es haben will. Es ist völlig klar, dass ich nicht um Geld für eine Wohnung fragen würde, verdammt, ich bin 24, sich zu binden ist eine Sache, aber einen Kredit aufzunehmen und sich eine Wohnung zu kaufen ist ein Schritt, den man machen kann, wenn man Kinder haben will!

Auf der anderen Seite bin ich in China. Meine Freundin ist Chinesin. Ihre Eltern sind natürlich chinesisch, und konservativ. Völlig klar, dass ich das verstehen muss. Aber man darf doch nicht von mir erwarten, mich exakt wie ein Chinese zu verhalten, oder? Ich erwarte auch nicht von meiner Freundin, sich wie eine Europäerin zu verhalten. Wir sind aus zwei völlig verschiedenen Kulturen, und das müssen wir verstehen, und akzeptieren. Kompromisse finden, damit es trotzdem klappt. Jeder von uns beiden steht an einem Ufer, und in die Mitte vom Fluss müssen wir schwimmen, um uns zu treffen. Könnte ein Sprichwort sein, oder? Haha. Ich bin gefangen zwischen zwei Kulturen, ich verstehe und respektiere beide, und muss sie irgendwie zusammen führen.

Außerdem ist es in China nicht selbstverständlich ein Dach über dem Kopf zu haben, so etwas wie Sozialhilfe gibt es hier nicht. Daher ist das Ganze mit der Wohnung absolut verständlich – wenn man sich Sorgen macht. Aber die müssen wir uns nicht machen, wir haben beide einen Job, verdienen überdurchschnittlich gut (für China zumindest) und leben in einer supergünstigen, großen Wohnung. Unser Fernseher ist so groß wie ein kleines Kino, wir brauchen uns wirklich keine Sorgen zu machen, irgendwann “auf der Strasse” zu sitzen.

Wie auch immer, nach endlosen Grundsatzdiskussionen haben wir nun eine Lösung gefunden, mit der wir beide leben können: Wir sparen einfach selbst das Geld für eine Wohnung zusammen! So blöd, so einfach haben wir das Problem gelöst. Bis wir genug Geld dafür haben, wird noch einige Zeit vergehen, das ist perfekt so, denn in ein paar Jahren werden wir (oder zumindest ich) viel sicherer sein, und uns sicherer fühlen. Shanghai ist riesig, wenn wir jetzt eine Wohnung kaufen, und Jiajias Firma plötzlich in eine andere Gegend zieht, was machen wir dann? Was machen wir, wenn dies passiert? Oder das? Natürlich darf man so nicht durchs Leben laufen, denn dann wird man nie glücklich, aber man darf auch nichts überstürzen.

Dass so eine Krise keinen Spass macht, dürfte jedem klar sein, aber wenn sie mal rum ist, wirkt die Beziehung plötzlich viel stabiler als vorher. Mit jedem Streit lernt man sich eigentlich besser und besser kennen, lerne ich. Und wenn die Erkenntnisse dort einen nicht abschrecken, dann hat man wohl die Richtige getroffen. Danke nochmals an alle, die mir Tips während der Zeit gegeben haben und mich sicher durchgebracht haben.

Jetzt ist also alles wieder gut, ich hoffe, dass die nächste derartige Krise nicht mehr so stark an uns rütteln kann.

I get knocked down

But I get up again

You’re never going to keep me down