Deaden.

In ‚Deaden‘ übt Rayne Rache an den Gangstern aus, die seine Ehefrau und sein ungeborenes Kind umbringen, nachdem sie ihn als verdeckten Ermittler enttarnen. Die ersten zehn Minuten des Films zeigen sogleich eine der brutalsten Sequenzen, die man je gesehen hat. Wie bei diversen Szenen in Gaspar Noés „Irreversible“ möchte man am liebsten weggucken, doch sie rechtfertigen den anschliessenden Amoklauf des Hauptdarstellers: Raynes Frau wird nicht nur vergewaltigt und mit einem Baseballschläger misshandelt, sondern auch ihr Baby wird durch aufschneiden des Bauches abortiert. Rayne wird gezwungen, sich das alles anzusehen, wird dabei gefoltert, verprügelt, und bekommt am Ende einem Pfeil in den Kopf (Rayne-Darsteller Fallon rezensiert Horrorfilme unter dem Pseudonym „Arrow In The Head“) und wird in einen Fluss geworfen. Doch er überlebt und wird im Krankenhaus wieder zusammengeflickt. Kaum erwacht, zieht er los, um einen Gangster nach dem anderen auf mindestens genauso grauenhafte Weise umzubringen…

Ein Geheimnis aus der Story und ihren Beweggründen für diesen Film machten weder Regisseur Christian Viel noch John „Rayne“ Fallon: In diversen Interviews gaben sie an, dass sie das „The Punisher“ Remake von 2004 mit Thomas Jane und John Travolta viel zu weich fanden, und mit ihrem Film Deaden einen „richtigen“ Rachefilm machen wollten. Nun, das ist mehr als gelungen.

Zwar wirken viele Szenen im Film an andere Filme angelehnt – zum Beispiel an die neue Mutter aller Rachefilme, Kill Bill, oder natürlich an die bekannten Rache-Filme der 80er. Völlig zufällig auch an den aktuellen Actionfilm Crank: Während sich Statham in Crank die ganze Zeit Adrenalin reinfährt um zu überleben, stumpft sich Rayne mit Schmerzmitteln immer mehr ab, um seine Rache zu vollführen. Apropos Schmerzmittel: Der Film war unter dem Namen „Pain Killer“ in Produktion, musste dann jedoch wegen einem Rechtsstreits in Deaden umbenannt werden. Man beachte den „netten“ Hinweis in den Credits. Dennoch hat die Story viele originelle Ideen, interessante, unverbrauchte Schauplätze im schönen Kanada und viel Style. Christian Viel muss klar gewesen sein, dass er niemals einen „Hollywood-Look“ mit HD hinbekommen würde und setzt daher gezielt, aber nicht langweilend elegante Filter auf die Bilder auf.

Natürlich gibt es bei einem Film mit geringerem Budget auch kleine Wermutstropfen, über die man nicht hinweg schweigen sollte – schliesslich ist dies kein Hollywoodfilm, sondern ein Traumprojekt, dass mit geringen Mitteln überhaupt erst realisiert werden konnte: Haupt- und größere Nebendarsteller geben ein tolles Schauspiel ab, aber einige kleinere Figuren agieren wie Amateure (und wir reden hier nicht von JoBlos Gag-Auftritt), vor allem bei einigen emotionalen Szenen merkt man das. Und während die Mano-a-Mano Kampfszenen realistisch und professionell choreographiert sind, wirken einige Schusswechsel unglaubwürdig – etwa in der Lagerhalle, in der sich die beiden Seiten einige Sekunden zu lange beschiessen, ohne einen Toten oder Verletzten zu zeigen. Und das deutlich digitale Blut – was sollte das denn!

Doch der Film macht diese kleinen Makel wieder wett: Vor allem John Fallon als Rayne gibt ein starkes Spiel ab! Seine Gesichtsausdrücke und Aggressionsanfälle während schrecklichen Anfangssequenz lassen den Zuschauer mit der Figur zusammen leiden, und freuen sich über jeden vollzogenen Racheakt. Auch sein stets vollgekoster Buddy, gespielt von Deke Richards, macht einen guten Eindruck. Die Musik rockt an den meisten Stellen, an einigen ist sie etwas zu sentimental, und es gibt ein paar derbe und derb gute Witze. Regisseur Viel hat alles gut unter Kontrolle, vor allem sein grandioser Soundmix hat nochmals ein Lob verdient. Viel zeigt grauenhafte Bilder immer nur sehr kurz, lässt dafür aber den Ton auf voller Lautstärke weiterlaufen – so kreiert man wahren Horror im Kopf, und nicht mit langen Einstellungen auf billige Gore-Effekte.

Mit ein bisschen mehr als 70 Minuten ist der Film ziemlich kurz – doch Gott sei Dank hat Viel nicht versucht, den Film auf Teufel komm raus länger zu machen. Das ist mutig, und das macht Sinn, denn so langweilt der Film keine einzige Minute, und haut genauso rein wie er soll: Mit voller Wucht.

About the author

Jakob Montrasio

2005 nach Shanghai gezogen. Firma gegründet, Filme geschrieben und gedreht. Jetzt wieder in Deutschland, mit Frau und Tochter.

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